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Raus aus dem Kampfmodus: Wie Bewusstsein über unsere Sozialisation Männer und Frauen zu echter Kooperation führt

Raus aus dem Kampfmodus:

Wie Bewusstsein über unsere Sozialisation Männer und Frauen zu echter Kooperation führt

Wir alle tragen unsichtbare Drehbücher in uns. Geschrieben wurden sie lange bevor wir ein Mitspracherecht hatten – von Eltern, Lehrern, Medien, von der Kultur, in die wir hineingeboren wurden. Diese Drehbücher erzählen uns, wie ein „richtiger Mann“ oder eine „richtige Frau“ zu sein hat, wie Konflikte zu lösen sind, wer nachgeben soll und wer dominieren darf.

Das Problem: Wir spielen diese Rollen oft automatisch – besonders in intimen Beziehungen. Und wundern uns dann, warum wir immer wieder in denselben Sackgassen landen.

Die unsichtbaren Kampfstrategien

Beobachte einmal, was passiert, wenn ein Konflikt zwischen Mann und Frau eskaliert. Häufig zeigen sich Muster, die erstaunlich vorhersehbar und ähnlich sind:

Bei vielen Männern: Rückzug in die Sachebene, emotionales Abschalten oder überreagieren, Verteidigung durch Gegenangriff oder Schweigen. „Sei nicht so emotional“ – ein Satz, der Generationen von Jungen eingetrichtert wurde. Damit ist gemeint: Zeig deine Trauer und deinen Schmerz nicht. Zeig deine Wut und Kraft. Sei stark.

Bei vielen Frauen: Eskalation der emotionalen Intensität, um überhaupt gehört zu werden. Oder das Gegenteil: Anpassung, Harmonie um jeden Preis, die eigenen Bedürfnisse kleinmachen. „Sei weich und schön“ hören auch heute noch viele Mädchen. Damit ist gemeint: Zeig deine Wut und Stärke nicht. Setz dich indirekt durch.

Das sind keine bewussten Entscheidungen. Es sind eingeübte Überlebensstrategien, die in der Kindheit vielleicht sinnvoll waren – im erwachsenen Miteinander aber zu Kreisläufen führen, aus denen beide Seiten erschöpft und unverstanden hervorgehen.

Der erste Schritt: Die eigene Geschichte verstehen

Echte Veränderung beginnt nicht mit dem Versuch, den anderen zu ändern. Sie beginnt mit einer ehrlichen Frage an sich selbst:

Was habe ich darüber gelernt, wie ich als Mann/als Frau in Beziehungen zu sein habe? Welche Gefühle durfte ich zeigen, welche nicht? Wie wurde in meiner Familie mit Konflikten umgegangen?

Diese Reflexion ist kein Selbstmitleid und keine Schuldzuweisung an die Eltern. Es ist Archäologie des eigenen Verhaltens. Wenn ich verstehe, warum ich bei Kritik automatisch in die Defensive gehe oder warum ich meine Wut nie direkt ausdrücken kann, öffne ich einen Raum für neue Entscheidungen.

Den eigenen Schatten annehmen

Hier wird es unbequem – und genau deshalb wichtig.

In uns allen leben Schattenseiten: jene Teile unserer Persönlichkeit, die wir ablehnen, verdrängen oder vor uns selbst verstecken. Der Mann, der sich als friedfertig sieht, hat vielleicht eine verdrängte Aggression, die sich in passiv-aggressivem Verhalten zeigt. Die Frau, die sich als unabhängig definiert, trägt vielleicht eine uneingestandene Sehnsucht nach Versorgung, die sie in Vorwürfen auslebt.

In der Arbeit mit der IndividualSystemik habe ich kennengelernt dass wir diese tieferen machtvollen Seiten genauer untersuchen und kennenlernen können. Artho und Veeta Wittemann haben die Arbeit mit diesen Schattenseiten umfassend untersucht und in ihren Büchern beschrieben.  

Solche Seiten verschwinden nicht, wenn wir sie ignorieren. Sie steuern uns aus dem Untergrund. Sie sabotieren unsere besten Absichten.

Der Weg zu echter Kooperation führt durch die Anerkennung dieser dunklen Anteile:

• Die Eifersucht, die ich mir nicht eingestehen will
• Die Kontrollbedürfnisse, die ich als „Fürsorge“ tarne
• Die Verachtung, die ich hinter Ironie verstecke
• Die Angst vor Verlassenwerden, die mich klammern lässt

Wenn ich diese Impulse annehme statt verdränge, verlieren sie ihre Macht über mein Handeln. Ich kann sie wahrnehmen, ohne ihnen automatisch zu folgen. Das ist der Unterschied zwischen Reaktion und bewusster Entscheidung.

Von Kampf zu Kooperation: Eine neue Logik

Unbewusste Kampfstrategien folgen einer Nullsummen-Logik: Wenn du gewinnst, verliere ich. Meine Bedürfnisse gegen deine. Meine Perspektive gegen deine.

Kooperation erfordert einen Paradigmenwechsel:

Statt „Du machst mir Angst mit deinem Schweigen“ → „Wenn du dich zurückziehst, werde ich unsicher und reagiere mit Druck – was dich wahrscheinlich noch mehr zum Rückzug bringt.“

Statt „Du bist nie zufrieden“ → „Ich merke, dass ich mich überfordert fühle deine Wünsche zu erfüllen und ich dann abblocke, statt zu sagen, was ich selbst brauche und geben mag.“

Diese Art der Kommunikation erfordert Raum und Mut zur echten Berührbarkeit– etwas, das vielen Menschen systematisch abtrainiert wurde. Und sie erfordert den Verzicht auf moralische Überlegenheit – eine Position, in die sich Menschen aller Geschlechter gerne flüchten.

Unter Gleichen: Der Wert geschlechtshomogener Räume

Bevor Mann und Frau wirklich kooperieren können, braucht es oft einen Zwischenschritt: die Auseinandersetzung mit sich selbst – im Spiegel der eigenen Geschlechtsgenossen.

Warum Männer unter Männern arbeiten sollten

Viele Männer haben nie gelernt, mit anderen Männern über ihre inneren Prozesse zu sprechen. Männerfreundschaften drehen sich oft um Aktivitäten, Projekte, Sport – selten um Gefühle, Ängste oder Beziehungsprobleme. Die emotionale Intimität wird an die Partnerin ausgelagert, was diese überfordert und den Mann in Abhängigkeit hält.

In einer Männergruppe können Männer:

Verletzlichkeit üben, ohne die gewohnte Dynamik mit Frauen
Erkennen, dass andere Männer ähnliche Kämpfe führen – die Scham des vermeintlichen Einzelfalls löst sich auf
Männliche Vorbilder erleben, die emotional präsent und dennoch kraftvoll sind
Die eigene Beziehung zu Männlichkeit erforschen: Was habe ich von meinem Vater gelernt? Welches Männerbild trage ich in mir? Was davon dienen mir, was begrenzt mich?
Aggression und Sexualität thematisieren, ohne sofort durch die Brille des anderen Geschlechts bewertet zu werden

In diesem Raum kann ein Mann seine Schattenseiten zeigen – die Wut, die Ohnmacht, die Angst vor dem eigenen Versagen und wie er diese Empfindungen ausdrücken kann ohne destruktiv zu werden. Er kann erfahren, dass er wegen solcher Gefühle nicht ausgestoßen wird. Das ist für viele eine grundlegend neue Erfahrung.

Warum Frauen unter Frauen arbeiten sollten

Auch Frauen profitieren von geschützten Räumen unter Geschlechtsgenossinnen – aus anderen, aber ebenso wichtigen Gründen.

In einer Frauengruppe können Frauen:

Die eigene Stimme finden, ohne automatisch auf männliche Reaktionen zu achten
Konkurrenzverhalten und Neid unter Frauen ansehen – oft ein tabuisierter Schatten
Die Beziehung zur eigenen Mutter und zu weiblichen Vorbildern erforschen: Welche Botschaften über Frausein habe ich aufgenommen? Was davon will ich behalten, was loslassen?
Körperlichkeit und Sexualität aus einer weiblichen Perspektive erforschen, ohne den männlichen Blick als Referenzpunkt und in der eigenen Lust ankommen.
Solidarität erfahren statt der oft eingeübten Spaltung zwischen Frauen

Hier kann eine Frau ihre eigenen Schattenseiten zeigen – die Manipulation, die Eifersucht, die Verachtung, die heimliche Rachsucht. Sie kann solche Gefühle und Strategien anerkennen als eine automatische Reaktion und sie im Alltag wiedererkennen. Die Frau kann erleben, dass sie für solche Impulse nicht verurteilt wird.

Was in diesen Räumen geschieht

Geschlechtshomogene Arbeit ist kein Rückzug in Separatismus. Sie ist Vorbereitung auf echte Begegnung.

Wenn ein Mann in einer Männergruppe erfahren hat, dass Empfindsamkeit keine Schwäche ist, kann er diese Empfindsamkeit mit Selbst-Bewusstsein in die Beziehung zu einer Frau tragen ohne die Verantwortung für seine Empfindungen der Frau zu zuschieben.

Wenn eine Frau in einer Frauengruppe gelernt hat, ihre Bedürfnisse klar und selbstverantwortlich zu benennen, ohne sich dafür zu entschuldigen, bringt sie diese Klarheit in die Begegnung mit einem Mann – ohne den Umweg über Vorwurf oder Manipulation.

Die Arbeit unter Gleichen ist kein Ersatz für die Arbeit als Paar. Aber sie ist eine unverzichtbare Ergänzung.

Die versteckten Strategien gemeinsam erforschen

Hier liegt der eigentliche Hebel für Veränderung: Das Erforschen der eigenen destruktiven Muster wird zu einem gemeinsamen Projekt.
Nicht: „Du musst an deinen Problemen arbeiten.“

Sondern: „Lass uns gemeinsam verstehen, welche Dynamik zwischen uns entsteht.“

Das könnte so aussehen:
• Beide Partner identifizieren ihre typischen Reaktionsmuster in Konflikten
• Sie erforschen, welche biografischen Wurzeln diese Muster haben
• Sie entwickeln gemeinsame Signale und Vereinbarungen für eskalierende Situationen
• Sie üben, die Schattenseiten des anderen mit Neugier statt Verurteilung zu betrachten und erforschen sie gemeinsam wohlwollend.
Diese gemeinsame Forschungsreise schafft Verbindung statt Entfremdung. Der Konflikt wird zum Lernfeld statt zum Schlachtfeld.

Die Dimension des Körpers und der Sexualität

Unsere Sozialisation als Mann oder Frau ist nicht nur mental gespeichert – sie sitzt tief im Körper. In der Art, wie wir atmen, uns bewegen, Raum einnehmen oder uns klein machen. In unserer Sexualität zeigen sich oft die unausgesprochenen Dynamiken einer Beziehung besonders deutlich.
Körperorientierte Gruppenarbeit, die auch die sexuelle Dimension einschließt, kann hier Zugänge öffnen, die rein verbale Therapie nicht erreicht.
In einem geschützten Gruppenkontext können Menschen:
Körperlich erfahren, wie sich alte Muster anfühlen – und wie sich Alternativen anfühlen könnten
Von anderen lernen, ohne Belehrung: Die Vielfalt der Erfahrungen in einer Gruppe erweitert den eigenen Horizont
Scham überwinden: Viele destruktive Muster sind mit tiefer Scham verbunden. In einer Gruppe, die ähnliche Erfahrungen teilt, kann diese Scham sich lösen
Neue Handlungsoptionen verkörpern: Nicht nur verstehen, sondern körperlich einüben, wie Grenzen setzen, Bedürfnisse zeigen, Verletzlichkeit zulassen sich anfühlt
Die Integration von Sexualität in diese Arbeit ist dabei kein Tabubruch, sondern konsequent: Hier, im intimsten Bereich, spielen sich die Machtkämpfe, die Verletzlichkeiten, die alten Muster besonders intensiv ab. Wer hier bewusste Veränderung erreicht, transformiert die Beziehung im Kern.

Dabei können sich geschlechtshomogene und gemischte Formate ideal ergänzen: Die Männergruppe oder Frauengruppe als Ort der Vorbereitung, des geschützten Übens, der Selbsterforschung. Die gemischte Gruppe oder Paararbeit als Ort der Begegnung, des Transfers, der Prüfung dessen, was gelernt wurde.

Ein Anfang, kein Ende

Der Weg aus den unbewussten Kampfstrategien ist kein einmaliges Projekt mit Abschluss. Er ist eine fortlaufende Praxis der Selbsterkenntnis und der bewussten Beziehungsgestaltung.
Die gute Nachricht: Jedes Mal, wenn wir ein altes Muster durchbrechen, wenn wir eine automatische Reaktion durch eine bewusste Entscheidung ersetzen, stärken wir unsere Fähigkeit zur Kooperation. Wir werden freier – als Individuen und als Partner.

Und vielleicht ist das die eigentliche Befreiung aus den Geschlechterrollen: Nicht Mann oder Frau sein müssen, wie es uns beigebracht wurde. Sondern Mensch sein dürfen – mit allen Seiten, auch den schattigen. Gemeinsam.

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